Fräulein Mohr: eine weibliche Führungskraft

Nicht nur in den Kontoren begann sich die Welt zu verändern. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts engagierten sich in den USA und Europa immer mehr Frauen für ihre Gleichberechtigung. Sie organisierten sich in Vereinen und kämpften unter anderem für das Wahlrecht, das Recht auf Bildung und auf Arbeit. Die Industrialisierung hatte einen großen Bedarf an billigen Arbeitskräften in den neu entstandenen Fabriken geschaffen, der zunehmend mit Frauen gedeckt wurde. Nun jedoch strebten auch Frauen aus bürgerlichen Schichten in die Erwerbstätigkeit. Die Versicherungsgesellschaften suchten nach neuen Mitarbeitern. Ihr Geschäft expandierte, immer weitere Bevölkerungskreise empfanden das Bedürfnis, sich oder ihren Besitz zu versichern. Und so begannen die ersten Gesellschaften Frauen einzustellen.


Nur wenige Versicherer hatten schon vor 1900 Maschinen eingeführt – wie hier im Schreibmaschinensaal des Stuttgarter Vereins (ADVV).

Der Stuttgarter Verein (ADVV), der 1927 mit der Allianz fusionierte, war dabei ein Vorreiter. Bereits 1887 beschäftigte das Unternehmen in Stuttgart erstmals Frauen für Schreibarbeiten. Im Jahre 1900 arbeiteten in der so genannten Fräuleinabteilung bereits 200 Frauen, womit jeder dritte Mitarbeiter
des ADVV eine Frau war. Geleitet wurde die Abteilung von einer weiblichen Führungskraft, der Direktrice Fräulein Mohr. Den Moralvorstellungen des Wilhelminischen Kaiserreichs entsprechend war der Dienstbeginn in der Fräuleinabteilung um 07:20 Uhr und damit 10 Minuten früher als bei den Männern. Somit sollte gewährleistet werden, dass sich Frauen und Männer auf dem Weg zur Arbeit nicht begegneten. Und welche Arbeiten übernahmen die neuen Mitarbeiterinnen? Die prestigeärmeren und schlechter bezahlten Tätigkeiten an den Büromaschinen. In der gesamten Versicherungswirtschaft arbeiteten 1907 immerhin schon über 3.500 Frauen. Dies entsprach etwa sechs bis sieben Prozent aller Angestellten.