Neue Rechte, neue Freiheiten, neue Zielgruppen

Am 19. Januar 1919 war es so weit: Bei den Wahlen zur Nationalversammlung durften erstmals in Deutschland alle Frauen wählen, und 90 Prozent machten am Wahltag von ihrem neuen Recht Gebrauch. Die Monate nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bedeuteten eine Zeitenwende. Das alte Europa mit seinen Kaisern, den alten Großreichen und ihren überkommenen Gesellschaftsstrukturen zerbrach. Neue Staaten entstanden, neue Demokratien wurden geschaffen und in immer mehr Ländern billigten neue Verfassungen Frauen die gleichen Rechte zu wie den Männern. Unmittelbar greifbar wurde dies zunächst vor allem in Gestalt des Frauenwahlrechts. Ansonsten mussten Frauen sich ihre Rechte im Privaten, in der Ausbildung, am Arbeitsplatz und gegenüber den Behörden zäh erkämpfen. Die Gesellschaft im Deutschland der Weimarer Republik wurde insgesamt jedoch pluralistischer und eröffnete Frauen mehr Möglichkeiten. Sie wurden zunehmend auch jenseits klassischer Rollenbilder wie denen als Tochter, Ehefrau oder Witwe sichtbar. Frauen errangen vereinzelt politische Ämter, erkämpften sich akademische Grade, fuhren Auto und wagten es, in der Öffentlichkeit zu rauchen.


Plakat der SPD für die Wahl zur Weimarer Nationalversammlung, bei der erstmals in Deutschland alle Frauen gleichberechtigt wählen durften. (1919, Quelle: Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung)

Dieser kulturelle Wandel veränderte auch die Allianz. Zwar blieb das Unternehmen genauso wie das Land und die Gesellschaft weiterhin männlich geprägt, aber Frauen traten deutlich sichtbar aus dem Schatten der Männer. Sie übernahmen neue Funktionen am Arbeitsplatz, die Allianz entdeckte sie zudem als eigenständige und lukrative Kundengruppe und sprach sie in der Werbung auch gezielt an. Unter der Überschrift "Zum Schluß noch ein ernstes Wort über die Frauen" riet Allianz Leben im Jahr 1922 den Vertretern, sich beim Akquisitionsgespräch insbesondere gegen die Argumente der Frauen zu wappnen. Diese wären besonders kritisch, wenn es darum ginge, Geld auszugeben, für das sie „nicht augenblicklich eine Gegenleistung" erhielten, und werteten solche Ausgaben als "zum Fenster hinausgeworfen." Hier heiße es, präzise zu informieren und an das Verantwortungsgefühl für die Familie zu appellieren. Dann könne die Frau die Entscheidung zum Abschluss des Vertrags erheblich beschleunigen: "Freilich, kluge Frauen", so schreibt der Vertriebsexperte dazu in der Allianz Zeitung 1922, "und deren gibt es nicht wenige, denken über diese Dinge ganz anders! Sie ruhen und rasten nicht, bis ihr Mann durch den baldigen Abschluß einer Lebensversicherung für ihre und ihrer Kinder Zukunft gesorgt hat." Schon bald wurden Frauen auch als eigenständige Kundengruppe immer wichtiger. 1929 riet die Vertriebsunterstützung der Allianz der Vertreterschaft bereits, gezielt Frauen als Kundinnen anzusprechen, denn: "In Deutschland leben 11,5 Millionen berufstätige Frauen, die alle eine ausreichende Lebensversicherung oder Rentenversicherung brauchen, damit sie ohne Sorge in die Zukunft sehen können."