Jahrzehnte der Stagnation

Wie bereits in früheren Zeiten entstanden auch in den 1960er Jahren neue Berufsfelder dort, wo Arbeitsprozesse neu organisiert und technisiert wurden. Allerdings entsprachen solche Arbeitsplätze nicht dem Bild, das die Gesellschaft sich von der Welt und den Fähigkeiten der Frauen machte. Erika Remmele, die sich 1966 bei der Datenverarbeitungszentrale der Allianz beworben hatte und dann drei Jahrzehnte lang als Programmiererin, Ausbilderin und Projektleiterin arbeitete, hatte dies bereits als Kind erfahren. In ihrem Bericht darüber, wie sie über das Arbeitsamt zur Allianz gekommen war, erzählt sie: "Nach dem Eignungstest, der mir eine Begabung für Mathematik, Logik, Technik und Abstraktion bescheinigte, empfahl man mir, Programmieren zu lernen. Ich hatte keine Ahnung, was das war. Ich wusste nur, ich bin dazu geeignet. Ich erinnerte mich wieder, dass in der Schule mein Lieblingsfach Mathe war und ich, ohne viel dafür zu tun, immer beste Noten bekommen hatte. Ich hatte das aber verdrängt, weil diese Fähigkeiten in meiner Familie nie gewürdigt wurden. Irgendwie gehörte es sich nicht für ein Mädchen, Mathe gut zu können."


Klassische Frauenrollen: Sekretärinnen der Zweigniederlassung Köln bei der Postzustellung. (Ende 1950er Jahre)

Fest gefügt waren auch die Bilder, die die Versicherungswerbung von Frauen zeichnete. Frauen erschienen darin modisch gekleidet und adrett frisiert an der Schreibmaschine, beim Einkauf, beim Kaffeeplausch, bei der Hausarbeit, bei der Erziehung der Kinder, als Braut, die sich über die Auszahlung der Aussteuerversicherung freut, und als Stütze ihres Gatten, die hinter dem Gartentor verharrend, dem Ehemann nachwinkt, wenn er zur Arbeit entschwindet. War dies der zeitgemäße Standard, so erschien die Frau in der Uniform der Stewardess auf dem Werbeprospekt der Allianz bereits geradezu exotisch.

Zugleich waren die Vertriebsexperten sich längt bewusst, wie wichtig das Urteil der Frau fürs Geschäft sein konnte. Selbst diese Erkenntnis präsentiert die Allianz Zeitung ihren Leserinnen und Lesern gönnerhaft patriarchalisch formuliert im Jahr 1966 so: "Die Frau sollte ja bei Fragen der Lebensversicherung ohnehin gehört werden. Nicht selten ist ihre Ansicht über die Versorgung der Familie entscheidend für den Abschluss."